Flotte winterfest machen: Der Saisonplan für Transportunternehmen

Die Winterreifenpflicht beginnt am 1. November — die Vorbereitung nicht. Wer erst im Oktober mit der Bestandsaufnahme anfängt, bestellt aus dem Restsortiment und zahlt Aufschläge. Dieser Leitfaden zeigt, was wann zu tun ist, welche Werte zählen und wie die Dokumentation aussieht, die im Schadensfall trägt.

Planungsstart September  ·  Umrüstung abgeschlossen Ende Oktober

Hubtrac Reifen Austria GmbH, Graz  ·  Lesedauer ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bestandsaufnahme gehört in den September, die Umrüstung in den Oktober. Im November ist die Saison bereits gelaufen.
  • Restprofil unter 7 mm im September bedeutet Wechsel vor der Saison — die gesetzlichen 5 mm werden im Winter sonst unterschritten.
  • Der Luftdruck sinkt mit der Temperatur. Bei TBR-Reifen mit hohem Betriebsdruck fällt dieser Effekt in absoluten Zahlen deutlich größer aus als beim Pkw.
  • Schneeketten müssen zur montierten Dimension passen und vom Fahrer einmal montiert worden sein, bevor es darauf ankommt.
  • Die Halterhaftung macht die dokumentierte Abfahrtskontrolle zum betriebswirtschaftlichen Thema, nicht nur zum formalen.

Der Saisonzeitplan

Der Engpass im Winterreifengeschäft ist nicht das Budget, sondern die Verfügbarkeit bestimmter Dimensionen ab Mitte Oktober. Wer die Reihenfolge einhält, kauft nach Bedarf statt nach Angebot.

September

Bestand aufnehmen und Bedarf ermitteln

Alle Fahrzeuge durchmessen, Fahrzeugklassen und Einsatzgebiete festhalten, Fehlmengen je Dimension und Achsposition auflisten.

Ende September

Bestellung platzieren

Jetzt sind Dimensionen und Profile noch frei wählbar. Lieferzeiten in die Werkstattplanung einrechnen.

Oktober

Umrüsten und Werkstatttermine abarbeiten

Montage über den Monat verteilen statt in der letzten Woche. Parallel Kettensätze prüfen und Sommerreifen einlagern.

Letzte Oktoberwoche

Fahrer unterweisen und dokumentieren

Kurzunterweisung zu Kettenmontage, Abfahrtskontrolle und Verhalten bei Wintersperren. Teilnahme schriftlich festhalten.

1. November

Pflichtbeginn

Ab jetzt gilt für N2 und N3 die generelle Winterreifenpflicht, unabhängig vom Wetter. Ketten sind mitzuführen.

Dezember und Januar

Zwischenkontrolle

Nach dem ersten Kälteeinbruch Luftdruck an allen Positionen nachmessen und Profilentwicklung stichprobenartig prüfen.

Bestandsaufnahme: was pro Fahrzeug erfasst wird

Eine brauchbare Aufnahme braucht sechs Felder je Fahrzeug. Mehr macht die Liste unbrauchbar, weniger lässt Entscheidungen offen.

Feld Warum es zählt
Fahrzeugklasse N2, N3, M2 oder M3 — bestimmt das Ende der Pflicht, 15. April oder 15. März.
Einsatzgebiet Nur Inland oder auch Deutschlandverkehr. Entscheidet über Kennzeichnung und betroffene Achsen.
Reifendimension je Achse Grundlage für Bestellung und für die passenden Kettensätze.
Restprofil je Position Gemessen, nicht geschätzt. Entscheidet über Wechsel oder Weiterlaufen.
Kennzeichnung auf der Flanke M+S allein oder mit Alpine-Symbol. Relevant für Fahrten nach Deutschland.
DOT-Nummer Produktionswoche und Jahr. Alte Karkassen erkennt man nicht am Profil.

Die Liste einmal sauber angelegt trägt über mehrere Saisonen. Ab dem zweiten Jahr ist die Aufnahme eine Aktualisierung statt einer Neuerfassung.

Profiltiefe richtig messen

Gesetzlich gefordert sind bei Nutzfahrzeugen 5 mm bei Radialreifen und 6 mm bei Diagonalreifen. Die Messung selbst wird häufig zu grob durchgeführt, und das kostet später Zeit an der Kontrollstelle.

  • In der Hauptrille messen, nicht in einer Nebenrille oder auf einem Steg.
  • Mindestens drei Punkte über den Umfang, außen, mittig und innen über die Laufflächenbreite.
  • Der niedrigste gemessene Wert zählt, nicht der Durchschnitt.
  • Bei Zwillingsbereifung beide Reifen einzeln erfassen — der innere wird regelmäßig vergessen und läuft oft anders ab.

Die Septemberregel: Alles unter 7 mm ist ein Wechselkandidat. Zwei Millimeter Reserve klingen großzügig, reichen im Fernverkehr aber oft nur für einen Teil der Saison. Ein Wechsel im Oktober ist planbar, einer im Januar nicht.

Achsposition entscheidet über das Profil

Ein Winterreifen ist keine einheitliche Kategorie. Die drei Achspositionen stellen unterschiedliche Anforderungen, und eine Fehlbesetzung fällt im Winter schneller auf als im Sommer.

L

Lenkachse

Längsrillen für Spurstabilität und Wasserableitung. Entscheidet über die Lenkbarkeit bei Schneematsch.

A

Antriebsachse

Offene Blockprofile mit hohem Lamellenanteil für Traktion beim Anfahren an der Steigung.

T

Trailerachse

Auf Tragfähigkeit und geringen Rollwiderstand ausgelegt. Bestimmt das Bremsverhalten des gesamten Zuges mit.

Gesetzlich verlangt Österreich nur die Antriebsachse, Deutschland zusätzlich die vordere Lenkachse. Betrieblich gilt etwas anderes: Wer über Alpenpässe oder in höhere Lagen der Obersteiermark fährt, sollte nach Einsatzprofil bereifen, nicht nach Gesetzesminimum. Eine Übersicht nach Achsposition finden Sie bei den Lkw-Reifen und den Sattelzug-Reifen.

Luftdruck bei Kälte

Der Reifendruck folgt der Temperatur. Kühlt die Luft im Reifen ab, sinkt der Druck — und zwar anteilig zum Betriebsdruck. Genau deshalb lässt sich die bekannte Pkw-Faustregel nicht auf TBR-Reifen übertragen: Ein Nutzfahrzeugreifen läuft mit einem Vielfachen des Pkw-Drucks, also fällt der Druckverlust in Bar absolut größer aus.

Praktisch heißt das: Ein Fahrzeug, das im Oktober bei fünfzehn Grad korrekt befüllt wurde, steht beim ersten Frost messbar unter dem Sollwert, ohne dass ein Leck vorliegt. Dazu kommt der normale Diffusionsverlust über die Zeit.

  • Immer kalt messen. Nach der Fahrt ist der Druck durch Walkarbeit erhöht, wer dann ablässt, fährt am nächsten Morgen mit Unterdruck.
  • Nach dem ersten Kälteeinbruch flottenweit nachmessen, nicht nur stichprobenartig.
  • Die Sollwerte nach Achslast aus der Herstellertabelle nehmen, nicht pauschal einen Wert für alle Positionen.
  • Bei Zwillingsbereifung beide Reifen prüfen. Der innere ist schwerer zugänglich und deshalb der häufigste Ausreißer.
  • Unterdruck kostet doppelt: längerer Bremsweg und höherer Kraftstoffverbrauch durch Rollwiderstand.

Schneeketten: Dimension und Übung

Für N2, N3, M2 und M3 gilt vom 1. November bis 15. April eine Mitführpflicht für Schneeketten für mindestens zwei Antriebsräder. Zwei Punkte werden dabei regelmäßig übersehen.

Erstens die Dimension. Ein Kettensatz ist auf eine Reifengröße abgestimmt. Wurde die Bereifung seit dem Kauf der Ketten geändert, passt der Satz möglicherweise nicht mehr — und ein nicht passender Satz erfüllt die Vorschrift nicht.

Zweitens die Übung. Kettenmontage bei minus fünf Grad, im Dunkeln, am Pannenstreifen, mit Handschuhen ist kein guter Zeitpunkt für den ersten Versuch. Eine trockene Montage im Hof, einmal pro Fahrer und Saison, spart im Ernstfall eine halbe Stunde.

Für Busbetriebe: Die Winterreifenpflicht für M2 und M3 endet am 15. März, die Kettenmitführpflicht erst am 15. April. Wer im März auf Sommerbereifung wechselt, muss die Ketten trotzdem an Bord behalten.

Karkassen und Runderneuerung

Im TBR-Bereich ist die Karkasse der eigentliche Wert. Eine gut geführte Karkasse lässt sich mehrfach runderneuern, was die Kosten pro Kilometer erheblich senkt. Der Winter ist dabei die kritische Phase: Streusalz, Schlaglöcher und Bordsteinkontakt bei Schnee greifen genau die Flanke an, die später über die Runderneuerbarkeit entscheidet.

Was im Rahmen der Saisonvorbereitung mitgeprüft gehört:

  • Flanken auf Schnittverletzungen, Beulen und Scheuerstellen sichten.
  • Ungleichmäßigen Abrieb dokumentieren — er weist meist auf Achsgeometrie oder Luftdruck hin, nicht auf den Reifen.
  • Reifen, die für die Runderneuerung vorgesehen sind, rechtzeitig aus dem Lauf nehmen statt bis zur Gesetzesgrenze zu fahren.
  • Eingelagerte Sommerreifen trocken, kühl und stehend oder liegend nach Herstellervorgabe lagern.

Fahrerunterweisung und Dokumentation

Die Halterhaftung ist der Grund, warum dieser Abschnitt nicht optional ist. Wird eine Fahrt mit vorschriftswidriger Bereifung zugelassen, trifft das Bußgeld nicht nur den Fahrer, sondern auch den Halter. Im Schadensfall kommen Regressforderungen und Probleme in der Kaskodeckung dazu.

  1. Kurzunterweisung vor Saisonbeginn Zwanzig Minuten reichen: Fristen, Profiltiefen, Kettenmontage, Verhalten bei Wintersperren. Teilnehmerliste unterschreiben lassen.
  2. Abfahrtskontrolle mit festem Punkteschema Ein Blatt oder ein Formular in der Telematik. Frei formulierte Kontrollen sind im Nachhinein nicht verwertbar.
  3. Befunde weiterleiten und nachhalten Eine gemeldete Auffälligkeit ohne dokumentierte Reaktion ist schlechter als keine Meldung.
  4. Reifenwechsel und Kettenprüfung archivieren Werkstattbelege je Fahrzeug und Saison ablegen. Das ist der Nachweis, der im Streitfall zählt.

Die Checkliste zum Ausdrucken

Winterchecklist für den Fuhrpark

Vor der Saison, je Fahrzeug

  • Fahrzeugklasse und Einsatzgebiet erfasst
  • Restprofil an allen Positionen gemessen, niedrigster Wert notiert
  • Winterreifen an allen Rädern mindestens einer Antriebsachse, bei Zwillingen vier Stück
  • Bei Deutschlandverkehr zusätzlich vordere Lenkachse und Alpine-Symbol geprüft
  • DOT-Nummer erfasst, Reifen ohne Alpine-Symbol als Altbestand markiert
  • Kettensatz vorhanden, passend zur montierten Dimension, vollständig
  • Luftdruck nach Achslasttabelle eingestellt, kalt gemessen
  • Flanken auf Schnitte, Beulen und Scheuerstellen gesichtet
  • Sommerreifen eingelagert und beschriftet

In der täglichen Abfahrtskontrolle

  • Sichtkontrolle aller Reifen auf Beschädigung und Fremdkörper
  • Luftdruck kalt geprüft oder TPMS-Meldungen gesichtet
  • Kettensatz an Bord und zugänglich
  • Auffälligkeiten gemeldet und quittiert

Nach dem ersten Kälteeinbruch

  • Luftdruck flottenweit nachgemessen und korrigiert
  • Profilentwicklung an Stichproben kontrolliert
  • Fahrzeuge mit grenzwertigem Profil für den Nachwechsel eingeplant

Häufige Fragen

Wann sollte die Umrüstung auf Winterreifen spätestens abgeschlossen sein?

Vor dem 1. November, dem Beginn der gesetzlichen Pflicht für N2 und N3. Praktisch sollte die Montage bis Ende Oktober abgeschlossen sein, weil Werkstattkapazität und Reifenverfügbarkeit in der letzten Oktoberwoche am knappsten sind.

Ab welchem Restprofil sollte ein LKW-Reifen vor der Saison gewechselt werden?

Die gesetzliche Grenze liegt bei 5 mm für Radialreifen. Als Planungswert hat sich 7 mm im September bewährt, weil die Differenz im Fernverkehr innerhalb einer Saison abgefahren wird.

Warum sinkt der Reifendruck im Winter, obwohl kein Leck vorliegt?

Die Luft im Reifen zieht sich bei sinkender Temperatur zusammen, der Druck fällt anteilig zum Betriebsdruck. Bei Nutzfahrzeugreifen mit hohem Betriebsdruck ist der absolute Abfall in Bar deutlich größer als bei Pkw-Reifen. Dazu kommt der normale Diffusionsverlust über die Zeit.

Muss bei Zwillingsbereifung jeder Reifen einzeln geprüft werden?

Ja. Innerer und äußerer Zwilling laufen unterschiedlich ab und verlieren unterschiedlich Druck. Der innere Reifen ist schlechter zugänglich und deshalb der häufigste Ausreißer bei Profil und Luftdruck.

Wie oft sollte der Luftdruck im Winter kontrolliert werden?

Neben der täglichen Sichtkontrolle empfiehlt sich eine wöchentliche Kaltmessung an allen Positionen sowie eine zusätzliche Kontrolle nach jedem deutlichen Temperatursturz und bei wechselnden Streckenhöhen.

Was passiert, wenn der Kettensatz nicht zur montierten Reifendimension passt?

Dann ist die Mitführpflicht nicht erfüllt. Die Ketten müssen für die tatsächlich montierten Reifen geeignet sein. Nach einer Dimensionsänderung ist der vorhandene Satz daher zu prüfen.

Welche Dokumentation ist im Schadensfall relevant?

Nachweisbare Fahrerunterweisung, dokumentierte Abfahrtskontrollen nach festem Schema sowie Werkstattbelege zu Reifenwechsel und Kettenprüfung je Fahrzeug und Saison. Entscheidend ist, dass gemeldete Auffälligkeiten eine dokumentierte Reaktion nach sich ziehen.

Quellen

  • Kraftfahrgesetz 1967, § 102 Abs. 8a und Abs. 9
  • Wirtschaftskammer Österreich, Bundesgremium Fahrzeughandel: Merkblatt „Winterreifenpflicht LKW und Busse"
  • Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (D), § 36 Abs. 4
  • Herstellerangaben zu Kaltluftdruck und Achslasttabellen für TBR-Reifen

Stand: September 2026. Die genannten Werte für Luftdruck und Profiltiefe ersetzen keine Herstellerangabe für die konkret montierte Reifengröße. Angaben ohne Gewähr.

Bestandsaufnahme gemacht — und jetzt?

Schicken Sie uns Ihre Liste mit Fahrzeugklassen, Dimensionen und Fehlmengen. Wir prüfen Verfügbarkeit und Lieferzeit und schlagen die passende Bereifung je Achsposition vor. Beratung und Lieferung für Österreich und Deutschland aus Graz.

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